100 Süddeutsche Zeitng vom 02.11.2008 « stopptantiantifa

„Plötzlich standen 300 Glatzen vor der Tür“

Vor allem kleine Gemeinden leiden unter der Taktik der NPD, alte Immobilien aufzukaufen – oft nisten sich dann Neonazis ein

Überall in Bayern macht NPD kleinen Gemeinden Angst: Ihre Mitstreiter kaufen alte Häuser, wollen rechtsradikale Zentren einrichten und marschieren durch die Städte.

Warmensteinach – Der Sommer 2008 wird den Menschen in Warmensteinach in Erinnerung bleiben. Gerade als die Sommerferien begonnen hatten, hörten sie das erste Mal, dass der Traditionsgasthof Puchtler an den bundesweit bekannten NPD-Anwalt Jürgen Rieger verkauft werden soll. Aus dem Gerücht wurde Anfang September Gewissheit, als dem Warmensteinacher Bürgermeister Andreas Voit ein notarieller Kaufvertrag übermittelt wurde. 1,8 Millionen Euro sollten für Haus und mehrere Grundstücke fließen – ein Siedlungsprojekt für „nationale Familien“ war geplant.

Doch daraus wird nun nichts: Die

Gemeinde hat Ende Oktober von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht. Bezahlen will sie allerdings nur den amtlichen Verkehrswert in Höhe von 380 000 Euro. Immer noch eine gewaltige Summe angesichts eines Haushalts von nur etwa drei Millionen Euro. Das Geld soll aus verschiedenen Töpfen kommen. Zentral ist dabei die bayerische Städtebauförderung, über die bis zu 60 Prozent des Kaufpreises finanziert werden könnten. Der Rest soll über Spenden oder zum Beispiel von der Oberfranken-Stiftung kommen. Um das Geld nicht ungenutzt zu investieren, will die Gemeinde den Gasthof zu einem Begegnungszentrum ausbauen.

Gräfenberg – Bürgermeister Werner Wolf nennt es „Demonstrations-Tourismus“. Was sich so harmlos anhört, ist längst zum Albtraum für die kleine Stadt Gräfenberg geworden. Ehedem für seine Beschaulichkeit am Rand der Fränkischen Schweiz bekannt, entwickelte sich das oberfränkische Städtchen in den letzten zwei Jahren zum Inbegriff brauner Heimsuchung. 32 Aufmärsche von Neonazis musste die Kommune im Landkreis Forchheim ertragen, jeden Monat mindestens einen. Meist marschieren nicht mehr als 50 Jungnationale – aber in der Kleinstadt kommt das Leben jedes Mal beinahe zum Erliegen, wenn die Rechten wieder am Bahnhof eintreffen.

Ziel der Märsche war ursprünglich ein Denkmal für Weltkriegs-Gefallene, von dem aus Besucher bis ins 20 Kilometer weit entfernte Nürnberg blicken können. Die Kommune verweigert den NPD-

Leuten den Zugang zum Denkmal, diese protestieren dagegen. „Denkmäler sind für alle da“, sagen die Rechten. „Mahnmale sind für Denkende da“, antworten die Gräfenberger. Seither wird die Stadt terrorisiert. Durch die Neuerungen beim Versammlungsgesetz konnten am

Reformationstag immerhin Trommeln und Fackeln untersagt werden – mehr aber nicht. 46 Rechte kamen.

Gremsdorf – Wie Gräfenberg wurde auch Gremsdorf nahe Erlangen drei Jahre lang von Rechtsextremen heimgesucht. Im großen Saal des Gasthofs Göb, mitten im Dorf, traf sich die NPD zum Landesparteitag. Auch Neonazigruppen spielten dort auf. Der Wirt verteidigte die Vermietung mit seinen finanziellen Sorgen. Dann fädelte CSU-Bürgermeister Waldemar Kleetz vor sechs Monaten einen Deal ein. Der Wirt darf nun die Kantine eines nahegelegenen Werks mit Essen beliefern und ist seine Finanzsorgen vorläufig los. Im Gegenzug hat er den Gremsdorfern versprochen, den Saal nicht mehr an Rechtsextreme zu vermieten. „Ich hoffe sehr, dass er sich daran halten wird“, sagt der Bürgermeister.

Insingen – Frank Rennicke, ein bundesweit für sein rassistisches Liedgut berüchtigter Sänger der Rechten, hat fest versprochen, kein Schulungszentrum für Neonazis im mittelfränkischen Örtchen Insingen zu planen. Bürgermeister Rudolf Ebert hörte das mit großer Erleichterung. Könnte er doch sowieso nichts mehr tun gegen den Immobilienkauf des braunen Barden. Rennicke, der mit seinen Songs bei Altnazis und Skinheads gleichermaßen beliebt ist, hat bereits im März ein 1000 Quadratmeter großes Anwesen mit Scheune direkt an der Staatsstraße erworben. Nur 31 000 Euro kostete ihn das Schnäppchen bei einer Zwangsversteigerung. Rennicke baut das Haus gerade aus – für private Zwecke, hat er dem Rathauschef versichert. Welche das sind, bleibt sein Geheimnis. Denn seit zwei Jahren wohnt der Barde, der federführend an der „Schulhof-CD“ der NPD mitgewirkt hat, in Schillingsfürst, ebenfalls im Landkreis Ansbach – zwölf Kilometer von Insingen entfernt.

Halsbach – Es ist ruhig in der kleinsten Gemeinde im Kreis Altötting. Vorerst. Gleich gegenüber der Dorfkirche steht der Landgasthof Gruber. Dort hat sich im September 2007 der Münchner Neonazi Norman Bordin eingemietet. Seit Anfang Januar sitzt die Gemeinde mit Gastwirt Alois Gruber am Verhandlungstisch. Am Pokertisch, wie Bürgermeister Georg Pfaffinger es nennt. Denn Gruber sagt, auch die NPD zeige Interesse. Pfaffinger hat eine Wirte-AG einberufen, einen Zusammenschluss von sechs Halsbacher Unternehmern, die mit dem Gastwirt verhandeln. Einmal, so sagt der Bürgermeister, hätten sie Gruber fast bei einem Preis zwischen 700 000 und 800 000 Euro gehabt. Wenige Tage später habe der ein schriftliches Angebot von 1,25 Millionen Euro vorgelegt – mehr als der jährliche Bruttohaushalt der Gemeinde. Am 3. Oktober, am Tag der Deutschen Einheit, haben die Halsbacher dann eine Demonstration veranstaltet. 2800 Menschen sind gekommen. Gastwirt Gruber gibt an, die Verträge mit der NPD bis Anfang November auf Eis gelegt zu haben. Für Pfaffinger Anlass zur Hoffnung.

Weiden – Anfang 2005 standen zwei junge Burschen mit langen Haaren vor dem Weidener Jugendzentrum. Sie würden vielversprechende Nachwuchsbands kennen und wollten dafür das Zentrum mieten. Es war die erste Begegnung des Stadtjugendpflegers Ewald Zenger mit dem Neonazi Patrick Schröder. Ein paar Tage später stellte sich heraus: Es sollte ein Konzert mit einschlägig bekannten Bands wie Frontalkraft und Blutstahl werden. „Plötzlich standen 300 Glatzen vor der Tür“, sagt Zenger. Das Jugendzentrum blies das Konzert ab. Doch Patrick Schröder zeigt seither Präsenz in Weiden. Dem 24-Jährigen gelang es, den NPD-Bezirksverband Oberpfalz wiederzubeleben. Bei der Landtagswahl fuhr er mit 2,8 Prozent das beste NPD-Ergebnis in Bayern ein. Schröder kommt aus der Kameradschaft „Weiße Wölfe“. Auf NPD-Plakaten gibt er sich bieder, die Haare zurückgebunden, im weißen Hemd mit Krawatte. Auf seiner Myspace-Seite dagegen posiert er im Muskelshirt, präsentiert seine Tattoos. Schröder setzt vor allem auf die sogenannte Wortergreifungsstrategie, geht mit Anhängern in Verstaltungen und versucht, Diskussionen zu dominieren. Er pflegt das Image des „jungen Rebellen“, sagt Zenger. Den Jugendlichen imponiere das.

Straubing – Lange stand die 5000 Quadratmeter große Praxis des Skandaltierarztes Roland Fechter in Straubing leer. Jetzt kleben an der Front NPD-Plakate. „Zentrale Bayern“ steht darauf. Vier Wochen lang habe man in dem Gebäude residiert, ohne dass es jemand bemerkt hätte, sagt der stellvertretende NPD-Parteichef Sascha Roßmüller. Der Bundestagswahlkampf 2009 soll von hier aus gesteuert werden. Laut Roßmüller verhandelt die NPD mit der Eigentümerin, Fechters Mutter, über einen Kaufpreis von 2,4 Millionen Euro. Die Stadt beziffert den Marktwert auf etwa 1,3 Millionen Euro. Beide Preise sind zu hoch für die finanziell klamme NPD, die schwer an parteiinternen Betrugsfällen trägt.

Fürth / Nürnberg – „Good Night, Left Side.“ Dieser Spruch stand in diesem Jahr eines Morgens an der Haustüre von Familie Brenner. Gut bürgerlich wohnen die Brenners am Nordrand von Fürth. Sie sind engagierte Antifaschisten, haben zur Schließung einer rechten Kneipe in Fürth beigetragen und auch gegen das Antreten der NPD bei der Kommunalwahl protestiert. Wohl als Quittung verübte die Nürnberger „Anti-Antifa“ – die Gegner der Nazigegner, also wieder die Nazis – in diesem Jahr zwei Anschläge auf die Brenners: Autoreifen wurden zerstochen und das Haus mit Farbe beschmiert. Alles wurde im Internet dokumentiert, samt Details und Fotos der Familie. Nach Intervention beim Internetbetreiber ist die Seite zwar abgeschaltet. Doch inzwischen ist das Jugendzentrum im nahen Langenzenn unter „Farbbeutelbeschuss“ – und gegen einen möglichen Kopf der Truppe, den Nürnberger NPD-Stadtrat Sebastian Schmaus, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Verstoßes gegen das Kunsturheberrechtsgesetz: Er soll bei einer Nazi-Demo in Gräfenberg Fotos von Gegendemonstranten gemacht und sie ins Internet gestellt haben.

Würzburg – Von einer Million Euro redeten die beiden Handwerker, die jüngst bei den Schwestern Anneliese und Margarete Schwarzmann vorstellig wurden. Doch bei ihrem Besuch im Würzburger Traditionslokal „Stadt Mainz“ nannten die Männer auch den Namen Jürgen Rieger. Während viele unbedarfte Kommunalpolitiker weghören bei diesem Detail, passten die Hotelier-Damen auf – und recherchierten im Internet. „Ja, es geht um die NPD“, gestanden die Männer beim nächsten Treffen. Damit war von Seiten der eigentlich verkaufswilligen Schwestern das Verkaufsgeplänkel beendet. Denn die NPD als Käufer, das ist unvorstellbar für die beiden Frauen. „Wir können doch nicht unsere Seelen verkaufen“, sagen sie. Schließlich hätten der Vater und auch Freunde der Familie einst unter Nazi-Terror gelitten.

Von Kathrin Haimerl, Max Hägler und Olaf Przybilla




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